Jul 2006 hastuPAUSE 0

Das finale Spiel der WM 2006 im Volkspark Halle

Fußballfans, die friedlich zusammen sitzen, trinken und feiern. Bemalt mit Farben ihrer Nationalmannschaft. Dazu in jedem Arm eine Fahne oder wenigstens einen Landeswimpel. Endlose Fanmeilen quer über den ganzen Erdball. Überall im ganzen Land grenzenlose Begeisterung, unglaubliche Euphorie. Aber dann: Aus in der 119. Minute im Halbfinale gegen Italien. Wer begeistert sich da noch fürs Endspiel?

Der Volkspark in Halle: ein altehrwürdiges Ensemble, das neuerdings als Galerie von der Burg genutzt wird. Im Vorgarten stehen unzählige Stühle, rechts und links vom Plattenweg. Rechts vom Eingang Burgstraße, einem kleinen weißen Gründerzeit-Pavillon, der sonst als Bühne dient, ist die Leinwand aufgespannt. Kurz vor acht Uhr ist etwa die Hälfte aller Plätze belegt, und natürlich alle vor der Leinwand. Das Publikum sitzt im der im Schatten der alten, schmalen Kastanienbäume, deren Kronen in den bilderbuchblauen Abendhimmel hinauf ragen, oder besorgt hinten an der Theke Essen und Trinken. Die Preise sind ganz moderat. Hier wurden bislang alle WM-Spiele übertragen. Beim Halbfinale Deutschland-Italien sollen 2.500 Leute hier gewesen sein; heute am 09. Juli, beim WM-Finale, ist nicht so viel los – die Veranstalter vom Stura der Burg schätzen 800 – 800 Leute, auf die eine einzige Fahne kommt, eine Frankreichfahne.

Im Schatten ist es angenehm. Meine Sitzposition: links außen in der Abwehr. Ein Jahrhundertsommer und eine Jahrtausend-WM, schießt es mir durch den Kopf. Die ersten vier Spiele der deutschen Elf haben im Schnitt 21,9 Mio Zuschauer allein im Fernsehen angeschaut. Weitere Millionen bei den public-viewing-events. Nicht zu reden von den unzähligen Kneipen. Über die Bühne im Volkspark ist die Leinwand gespannt. Ein Beamer wirft das Bild, etwa zwei mal dreieinhalb Meter groß. Die Burgstudenten haben die ganzen Übertragungen so konzipiert, dass sich die Veranstaltungen selbst tragen können. Der Volkspark ist einer von sechs ordentlich angemeldeten öffentlichen Plätzen in Halle, auf dem die WM-Spiele übertragen wurden. Ein anderer, nicht kostenloser, ist die Südkurve an der Stadtschleuse. Die anderen Orte möchte das Ordnungsamt nicht verraten, um irgendwelche Interessen Dritter zu schützen. Auch noch nach der WM.

Auf der Terrasse vor dem Eingang zum Volksparkhaus spielen ein paar Kinder Fußball, kreischen und zetern, wie die Großen, und … ach, das Spiel läuft schon! Die Lautstärke ist so gewählt, dass man weiter hinten durch das allgemeine Biergartengemurmel wenig mitbekommt. Und andauernd laufen Leute durchs Bild. Das Spiel selbst plätschert nach den beiden schnellen Toren ereignislos dahin. Allez les bleu! Allez les bleu! ruft jemand ab und zu. Die Stadionkamera schwenkt auf eine hübsche Blondine im Frankreichtrikot. Sie freut sich, dass sie auch mal hier ist, sagt Beckmann aus dem Off. Der Mann erzählt einen Scheiß, das nervt!, wird der Kommentator kommentiert.

Französische Aktionen werden beklatscht; wälzt sich ein Italiener am Boden, gibt es vereinzelt Buh!-Rufe. In der Halbzeitpause nach der Tagesschau sehen wir im Pausenprogramm ein Transparent: Danke Deutschland für deine Gastfreundschaft! Zustimmendes Gemurmel und schüchterner Applaus. Nach neun zieht es sich allmählich zu, und der azurblaue Himmel verschwindet. Heiß ist es aber immer noch. Die Franzosen geben nun mehr Gas, daran ändert auch das Abseitstor der Italiener nichts. Es wird nur noch in einer Hälfte gespielt. Sie sind erwacht, die Franzosen! Applaus für Beckmanns Aktion.

Langsam wird es richtig duster und die Mücken frecher. Die Bilder der Leinwand spiegeln sich im grünen Überzelt vor der kleinen Bühne. Immer noch 1:1. Die reguläre Spielzeit ist abgelaufen. Verlängerung. Die ersten stehen auf und gehen nach Hause. Zidane köpft, Buffon hält. Ein beschissenes Raunen geht durch den Volkspark, aber die Frankreichfahne wird weiter tapfer geschwenkt. Kurze Zeit später liegt Materazzi am Boden. Nach der Kameraaufklärung Applaus für Zidane. Eine junge Frau links hinter mir ist entsetzt: Das hat doch aber bestimmt wehgetan! – Das war schon okay so, wird ihr erklärt. – Die Italiener, das sind die gehasstetsten Leute, in ganz Europa.

Es ist dunkel. Das Publikum aufgeregt. Allez les bleu! Porca Italia! Elfmeterschießen! Trezeguet an den Querbalken! Grosso trifft! – Auf der Straße knattert in einiger Entfernung ein Moped vorbei. Im Gras zirpt ein Hüpfer. rnrnWas ist passiert? Die jubelnden Italiener im Olympiastadion können es noch gar nicht so recht fassen, genauso wie das Publikum hier. Rechts vorne bei der kleinen Bühne freuen sich ein paar italienische Anhänger, die sich bis zu diesem Zeitpunkt vorsichtig, unauffällig und ruhig verhalten hatten.

Die Mehrheit ist mit dem neuen Weltmeister unzufrieden. – Die habe nur ein gutes Spiel gemacht, gegen uns, und das haben sie gewonnen. Leider! – Erst verlieren wir in letzter Minute, dann die Franzosen im Elfmeterschießen – Na gut, haben wir nur gegen den späteren Weltmeister verloren. Ist ja keine Schande. – Ungerecht! Ungerecht! Ah, ich könnte mich so was von aufregen! – Die Itaker haben sich doch nur ins Finale gemogelt! – Das kann ich jetzt echt nicht glauben. So eine Scheiße. – Bring mir mal noch eins mit, von – was? Alle? Vorbei? – Scheiße.

Über Uwe Hartwig

Erstellt: 14.07. 2006 | Bearbeitet: 30.12. 2009 20:08